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Das Phantom der Oper in Wien ist ja schon seit einer halben Ewigkeit gerüchteweise im Gespräch gewesen. Und als es dann bestätigt und auch irgendwann im Juni die Karten freigeschaltet wurden, schlug ich einfach mal zu. Und zwar, weil mir von Anfang an klar war, dass es im deutschsprachigen Raum im Grunde nur eine Darstellerin gibt, die zu 100% in die Rolle der Christine passt. Optisch, stimmlich... perfekt. Das mussten jetzt nur die VBW auch noch so sehen. Und das taten sie dann glücklicherweise auch, so konnte ich im September auch noch für einen weiteren Abend Karten kaufen und nun gespannt der Dinge harren, die da kommen sollten.

Am 7.12.12 war es also so weit und nachdem wir festgestellt hatten, dass im Ronacher die 2. Orchesterreihe die Reihe vor Reihe 1 ist, war die Vorfreude sogar noch größer. Zumal, was ja gerade in Wien doch sehr ungewöhnlich ist, die Meinungen zu dieser Konzertreihe im Vorfeld mal nicht wirklich geteilt waren. Die Zuschauer waren genauso begeistert von Produktion und vor allem Cast, wie die Zuschauer! Es konnte also quasi nur toll werden.

Die erste Gänsehaut stellte sich bei mir schon ein, als das Licht ausging und die Versteigerung begann, die dann ja in die Ouvertüre mündet. Diese Orgel... zwar war sie nicht live, aber das ist sie ja meines Wissens auch an anderen Spielorten nicht. Und diese Tatsache nimmt ihr rein gar nichts an Wirkung oder Effekt. Und der blinkende Lüster an der Decke tat sein Übriges.

Dann ging es weiter mit der Proben-Szene für die Opernaufführung und endlich kam auch der Hauptgrund meines Besuchs auf die Bühne. Während die meisten Ensemble-Mitglieder ja gänzlich unmaskiert auftraten, hatte Lisa zumindest Frisuren-technisch eine kleine Veränderung erfahren. Und diese Halbperücke trug neben dem wunderschönen, silbrigen Kleid ihren Teil dazu bei, aus ihr eine wunderbare Christine zu machen. Wie wunderbar zeigte sie dann auch recht bald, als sie ihr erstes Solo "Denk an mich" sang. Oh - mein - Gott!! Ich mein, klar... sollte ich meinen Liebling sämtlicher Bühnen dieser Welt benennen, es wäre ohne einen zweiten Gedanken Lisa. Und ich weiß auch, dass mir beim letzten Rebecca-Bericht gerade erst die Superlative dafür ausgegangen sind, was sie an diesem Abend für eine Leistung gezeigt hat. Nun konnte ich nur ungläubig mitverfolgen, dass scheinbar alles irgendwie noch steigerbar ist! Sie war sensationell, in jeder Hinsicht. Ich wusste natürlich, dass sie die Rolle singen kann, dass sie die Höhen packt... aber wie sicher und souverän sie das tat und wie wunderschön sie dabei noch klang... das haute mich dann doch irgendwie um, so genial hatte ich es mir eben wohl doch nicht vorgestellt. Bemerkenswert war auch, dass ich jedes gesungene Wort von ihr problemlos verstand. Gerade in den Höhen ist das ja teilweise schwer, bei Lisa jedoch war alles deutlich und man konnte sich ganz aufs Genießen konzentrieren.

Und auch ihr Schauspiel fand ich bemerkenswert. Denn auch, wenn ihre Authentizität und Echtheit im Spielen ein Punkt ist, der mich bei ihr regelmäßig besonders beeindruckt, hatte man es hier ja so gesehen nicht mit einem "normalen" Musical zu tun. Es gab eben diesmal keine Kostüme, keine Kulissen und minimale Accessoires. Und dann steht sie da oben auf der Bühne und man denkt nicht eine Sekunde dran, dass das da gerade gar nicht Christine Daaé ist, sondern eine Schauspielerin. Sie war einfach zu 100% in ihrer Rolle drin. Sei es in Szenen, in denen Christine wie weggetreten ihrem Engel der Lieder lauscht, panisch vor diesem flüchtet, oder ihn bei "Der letzte Schritt" verführerisch (das war für mich dann mal eine neue Seite an Lisa!) ansingt... sie war in jeder Sekunde mehr als glaubhaft. Ganz besonders toll von ihr fand ich die Friedhofsszene, mit "Könntest Du doch wieder bei mir sein". Das sang sie nämlich nicht nur toll, man hörte ihrer Stimme auch jede einzelne Emotion an. Mal ganz leise und zerbrechlich, dann wieder stark herausgeschmettert. Die Tränen, die ihr dabei noch über die Wangen liefen, taten ihr Übriges. Also wenn ich vorher noch gehofft habe, dass die obligatorischen Vergleichereien mit etwa einer Sierra Boggess nicht anfangen würden, so muss ich jetzt sagen: Die müsste Lisa sicherlich nicht scheuen. Weil sie vermutlich bei den meisten mindestens genauso gut, wenn nicht gar besser abschneiden würde! Ich jedenfalls habe eine neue Lieblings-Christine...

Christian Alexander Müller als Phantom war für mich sozusagen eine Wundertüte. Auf der einen Seite hört und liest man über ihn, gerade als Phantom, ja eigentlich immer nur Gutes. Aber auf der anderen Seite hatte ich ihn noch von den Musical Tenors im Gedächtnis, wo ich auch mit hohen Erwartungen hingegangen und dann etwas enttäuscht worden war. Da fand ich ihn gut, aber nicht in irgendeiner Form herausragend oder besonders. Das sollte sich nun aber auch ändern, denn Christian war für mich ein wahnsinnig tolles Phantom! Bei ihm vermisste ich nicht eine Sekunde lang die Maske oder Entstellung, weil er ihr Fehlen mit seinem tollen Schauspiel einfach wett machte! Stimmlich war er ohnehin genial, und er hat auch so einen bestimmten, langen, lauten Ton, den er hin und wieder mal auspackte und mich total begeisterte. Und nach "Musik der Dunkelheit" schließe ich mich einfach mal der Frau an, die als erste die Stille nach dem letzten Ton im Theater durchbrach: "Wow"

Was Oliver Arno angeht, so war ich noch skeptischer, als bei Christian. Ihn hatte ich nun nämlich wirklich sehr lange nicht mehr gesehen und kannte ihn auch ohnehin nur als Rudolf aus Elisabeth in Berlin. Und da hatte er mir zum Ende hin gar nicht mehr so gut gefallen, vor allem sein Schauspiel nicht. Wie würde er sich also nun als Raoul machen, eine Rolle, die wohl kaum jemand mag? Ich muss sagen: Toll! Seine Stimme hat in den letzten Jahren unheimlich an Kraft gewonnen, er singt sehr sicher und schön und auch schauspielerisch nahm ich ihm den jungen verliebten Retter total ab!

Auch im Zusammenspiel waren alle drei wirklich toll! Sowohl stimmlich harmonierten sie super, als auch schauspielerisch! Die Anziehung zwischen Christine und Phantom war vor allem während "Musik der Dunkelheit" und "Der letzte Schritt" quasi greifbar, während aber auch die süßliche Liebesgeschichte mit Raoul durch die stimmende Chemie sehr glaubhaft wirkte. Ein Kritikpunkt von mir ist nur, dass Christine am Ende nicht noch einmal zum Phantom zurückkehrt. Gut, es gibt im ganzen Stück keinen Ring, also kann sie ihm den auch folglich nicht zurückgeben. Aber trotzdem, für mich ist dies die so ziemlich emotionalste Szene des ganzen Stücks. Schade, dass diese nun gefehlt hat und sich Christine das Phantom nur noch aus der Ferne anguckt. Allerdings liegt dies ja nicht an den Darstellern, sondern ist dem Regisseur, Herrn Gergen, anzukreiden.

Die anderen Rollen sind im Vergleich natürlich vergleichsweise klein, aber auch sie waren toll besetzt:

Jede Phantom-Inszenierung braucht natürlich auch eine Carlotta und in Wien hatte man in Gestalt von Siphiwe McKenzie eine wirklich tolle gefunden. Vielleicht schon etwas zu toll, denn Carlottas Gesang soll für den Zuschauer und die Figuren ja eigentlich etwas schmerzhaft für die Ohren sein. Hier klang es aber alles einfach nur astrein und wenn ich nicht gewusst hätte, dass Christine noch schöner klingt... Carlotta hätte von mir aus bleiben können. Auch den Humor-Anteil meisterte Siphiwe meisterhaft, die Pointen kamen genau so, wie sie sollten. Besonders gut fand ich z.B. die Il Muto-Aufführung in Akt 1, wobei ich hier auch sofort wieder von Lisas tollem, übertrieben-lustigem Schauspiel anfangen könnte...

Sehr gut gefielen mir auch die beiden Operndirektoren. Monsieur Firmin, dargestellt von Reinhard Brussmann, und Monsieur André, wegen Krankheit der eigentlichen Besetzung Ramin Dustdar nun von Lucius Wolter gespielt, hatten die Lacher auf ihrer Seite, vor allem bei ihrem Maskenball-Zusammenstoß oder auch der Bemerkung, es ginge doch nichts über die alten Opern... bis hin zum alten Publikum.

Dass Meg Giry mit Anna-Carina Buchegger besetzt war, freute mich ganz besonders. Sie hatten wir im Sommer ja erst in Klimt gesehen und für sehr gut befunden. Und das untermauerte sie nun auch beim Phantom! Meg singt ja leider nicht viel, aber was sie sang, sang sie einfach nur schön!  Als ihre Mutter Madame Giry stand Michaela Christl auf der Bühne und abgesehen von einigen Momenten, wo sie mir etwas zu aufgesetzt sprach, fand ich auch sie sehr gut und passend für die Rolle. Wenn ich an der Cast Kritik üben sollte, dann würde diese Einar Th. Gudmundsson als Buquet und Emilio Ruggerio als Piangi treffen. Beide waren sehr schwer zu verstehen, letzterer im Grunde so gut wie gar nicht. Ich bezweifel, dass er privat mehr als drei Wörter Deutsch spricht und er schien auch der einzige zu sein, der aus den fast ständig gehaltenen Partituren wirklich ablas. Gesanglich waren aber auch diese beiden einwandfrei!

Besonders beeindruckend war, obwohl es wie gesagt an Kulissen und Kostümen fehlte, die Maskenball-Szene. Durch den riesigen Chor im Hintergrund war der Ton hier einfach nur gewaltig und die nächste Gänsehaut im Anmarsch! Und ich freute mich auch, mit Acangelo Vigneri und Lutz Standop zwei bekannte Gesichter im Ensemble zu entdecken (natürlich aber nicht nur beim Ball)!

Ganz neu für das Musical waren ja die beiden Balletttänzer Emma Hunter und Aleksandar Savija. Beide tanzten 1 A und waren allein für die symbolischen Effekte (er stand wohl eher fürs Phantom und die Untaten, sie für die schönen Zeiten mit Raoul) eine Bereicherung. Ganz besonders toll fand ich Aleksandar im Zusammenspiel mit Lisa während "Musik der Dunkelheit".

Noch ein paar Worte zum Drumherum: Wie bereits angesprochen fehlten die Kostüme mir viel weniger, als befürchtet. Es wirkte wirklich nicht komisch, wenn Christian von seiner Fratze sang, aber im Gegensatz zu diesen Worten mit seinem alltäglichen Gesicht auf der Bühne stand. Besonders schön wurde durch das Fehlen der Maske auch die Szene nach "Schlimmer als ein Alptraum". Eigentlich gibt Christine dem Phantom da ja seine Maske zurück. Da sie hier aber nunmal keine hatte, legte sie ihm die Hand aufs Gesicht, was für eine ganz neue Nähe zwischen den beiden zu diesem sehr frühen Zeitpunkt sorgte. Toll fand ich dann die Schlussszene, in der Meg im verlassenen Versteck des Phantoms auch in dieser Produktion noch die Maske findet. Es hat sie nie getragen, aber trotzdem ist das ein toller Moment gewesen, einfach weil es irgendwie so dazu gehört! Dafür war die Versteigerungs-Geschichte zu Beginn für diese Produktion etwas irritierend. Denn dass Raoul die Affen-Spieluhr kauft, ohne dass diese dann später noch einmal vorkommt... da könnte sich zumindest jemand, der das Stück nicht kennt, schon fragen, was das soll.

Auch die Projektionen waren in meinen Augen zum Großteil gelungen. Die Nebellandschaft auf dem Friedhof, die erhängten Phantom-Opfer, das Feuerwerk und der fallende Lüster... alles toll gelöst! Wirklich doof fand ich dafür aber den hüpfenden Frosch in der "Kröten-Szene" und vor allem auch das Babygesicht, das sich dann vor Wut verzerrte, als Christine dem Phantom das erste Mal die Maske entriss. Oder auch den Mond, der bei der Phantom-Version von "Mehr will ich nicht von Dir" plötzlich wütende Augen bekam.

Ein recht kritisch diskutierter Punkt waren ja auch die dicken Notenbücher der Darsteller. Einige Zuschauer waren hinterher sogar der Meinung, die Darsteller seien auf diese angewiesen, was natürlich Quatsch ist. Ich fand sie in einigen Szenen passend, in anderen weniger. Sagen wir, eine richtige Bereicherung stellten sie für mich eigentlich nie dar und von daher hätte ich gut drauf verzichten können. Schon alleim, um so ein Gerede darum gleich von vornherein zu unterbinden...

Am zweiten Abend sah ich das ganze dann noch einmal aus Reihe 3, direkt von einem Gangplatz aus. Und hier war das Stilmittel, die Darsteller zu Beginn und während des Maskenballs in den Gängen zu platzieren, dann doch etwas ärgerlich für mich. Es war nämlich für mich genau gar nichts mehr zu sehen, weil Einar Th. Gudmundsson direkt vor mir stand und mir so die komplette Sicht nahm.

Die Publikumsreaktionen waren an beiden Abenden eindeutig. Die Zuschauer waren begeistert, neben dem angesprochenen "Wow" und lang anhaltendem Applaus für Christian gab es auch nach "Denk an mich" und "Könntest Du doch wieder bei mir sein" sehr viele "Wuh"s und sogar einzelne "Bravo"s für Lisa. Auch beim Schlussapplaus war der Jubel für sie und auch die anderen ohrenbetäubend und es gab unter lang anhaltendem Klatschen, verbunden mit Standing Ovations, etliche Vorhänge.

Schade, dass die Konzerte nun schon wieder vorbei sind. Ich bin allerdings sehr froh, zwei davon gesehen haben zu können und dieses geniale Ensemble live erlebt zu haben!

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